So gelingen ausdrucksstarke Porträts

So gelingen ausdrucksstarke Porträts

Was ist ein Porträt?

Gehen wir davon aus, dass wir darunter die mehr oder weniger formatfüllende Abbildung eines Menschen verstehen, wobei die Aufnahme nur das Gesicht oder aber die ganze Person von Kopf bis Fuß zeigt. Allgemeine Fototipps beschränken sich auf Hinweise, was in typischen Standardsituationen ratsam ist. Typisch und Standard heißt aber auch oft: 08/15 für Ihr Bildergebnis. Was auch nur selten erwähnt wird: Nicht jeder Mensch ist vor der Kamera automatisch ein ausdrucksstarkes "Supermodel". Die Persönlichkeit und Ausdruckskraft des oder der Porträtierten spielt für das Bild eine weitaus wichtigere Rolle als die Kameratechnik.

Bereits die Tatsache, ob Sie einen alten Mann oder eine junge Frau fotografieren, ob Sie eine Tages- oder Kunstlichtsituation vor sich haben, kann ganz unterschiedliche Konsequenzen für die gestalterische Umsetzung des Motivs mit sich bringen. Woran Sie sich orientieren können:

Regel 1 Die Brennweite

Verwenden Sie kein Weitwinkelobjektiv, sondern die optimale Porträtbrennweite (70-100 mm).

Regel 2 Helligkeit einschätzen

Ist genug Umgebungshelligkeit vorhanden, um ohne Blitz zu fotografieren? Damit fangen Sie die natürliche Lichtstimmung am besten ein. Achten Sie auf die Belichtungszeit, um nicht zu verwackeln. Erhöhen Sie gegebenenfalls den ISO-Wert für Aufnahmen aus der Hand. Wenn es nicht ohne Blitz geht, blitzen Sie indirekt, oder verwenden Sie einen Diffusorvorsatz (Papierstreifen). Vielleicht können Sie die Aufnahme an einen Ort verlegen, wo die Lichtverhältnisse günstiger sind. Belichten Sie das Bild so, dass die hellsten Stellen nicht ausfressen.

Regel 3 Schärfe auf die Augen

Augen und Lippen sind für das Porträt am wichtigsten. Auf diese Punkte sollten Sie scharf stellen. Benutzen Sie für das jeweilige Aufnahmeformat (hoch/quer) den Autofokuspunkt, der das Auge trifft - raus aus der Mitte.

Regel 4 Lichtqualität beeinflussen

Fotografieren Sie ein Porträt in einer Lichtsituation, die dem Model schmeichelt. Dazu benötigen Sie am ehesten diffuses Licht, das Sie im Schatten oder an einem bedeckten Tag vorfinden. Benutzen Sie den Kamerablitz zum Aufhellen; an einem trüben Tag und im Schatten ersetzt er das Sonnenlicht und macht schönere Farben. Bei strahlendem Sonnenschein hellt er die Schatten auf. Wenn es eine Möglichkeit gibt, mit einem Reflektor zu arbeiten, setzen Sie ihn ein.

Spielen Sie auch mit den Möglichkeiten, die Ihnen besondere Lichtsituationen bieten. Licht von hinten lässt die Haare aufleuchten. Eine Unterbelichtung vermeiden Sie gegebenenfalls durch einen dosierten Aufhellblitz oder über die Plus-Minus-Korrektur.

Von wo kommt das Licht? Wo und wie verlaufen die Schatten? Vermeiden Sie extreme Kontraste, um unschöne Flecken oder tiefe Schattenzonen im Gesicht zu verhindern.

Regel 5 Farbstimmung beachten

Stellen Sie an der Kamera den zur Aufnahmesituation passenden Weißabgleich ein, und/oder benutzen Sie die Farbstile der Kamera (Porträt) für schönere Hauttöne. Ist die Szene extrem bunt, behalten Sie den Schwarzweißmodus oder die Sepiatonung als Option im Hinterkopf.

Regel 6 Hintergrund gestalten

Achten Sie nicht nur auf das Gesicht, sondern auf alles, was im Bildrahmen zu sehen ist. Verändern Sie den Bildausschnitt so, dass nichts Störendes neben oder hinter dem Hauptmotiv erscheint. Verändern Sie den Abstand zum Model, und gestalten Sie auch mit der Brennweite. Wie verändert sich der Hintergrund? Wie viel Raum nimmt das Model ein, wie viel von der Umgebung wollen Sie noch im Bild sehen? Durch eine offene Blende (A/Av + niedriger Zahlenwert) verändern Sie die Weichheit des Hintergrundes.

Regel 7 Perspektive und Format variieren

Fotografieren Sie die Person nicht immer nur aus Augenhöhe, sondern auch einmal aus einer leichten Untersicht oder leicht von oben. So verändert sich nicht nur der Hintergrund, sondern die ganze Anmutung des Bildes.

Arbeiten Sie mit dem Hochformat oder dem Querformat, oder beschneiden Sie das Foto später zum Quadrat. Lassen Sie in Blickrichtung des Models etwas mehr Raum als hinter dem Kopf. Der Blick des Betrachters folgt dem Blick der abgebildeten Person. Das Model stellt einen Bezug zur Umgebung her, das Bild bekommt eine andere Wirkung, je nachdem, was sonst noch zu sehen ist.

Regel 8 Anschnitt und Ausschnitt

Es muss nicht immer die ganze Person oder das ganze Gesicht zu sehen sein. Wagen Sie An- und Ausschnitte, gegebenenfalls später in der Nachbearbeitung.

Regel 9 Posing

Lassen Sie die Person den Kopf und den Körper drehen. Jeder hat eine Schokoladenseite. Was sieht freundlicher aus? Fotografieren Sie frontal von vorn, mal von links, mal von rechts. Brust raus, Bauch rein - eine normale Körperhaltung wirkt auf dem Foto oft zu schlaff. Eine aufrechte Haltung ist ungewohnt und erscheint dem Porträtierten oft steif, lässt ihn oder sie aber vorteilhafter aussehen.

Bei einem Halbprofil sollte das Model lieber nicht in die Kamera schauen. Die Augen des Models sollten immer der Nase folgen, nicht extrem seitlich zum Fotografen gedreht werden. Für eine seitliche Pose lassen Sie das Model den Körper aus der Hüfte oder Schulter drehen, nicht nur aus dem Hals heraus.

Bei Ganzkörperaufnahmen sehen normal gebaute Personen vorteilhafter und entspannter aus, wenn sie eine Schulter Richtung Kamera drehen und ihr Gewicht auf das Bein verlagern, das weiter vom Fotografen entfernt ist. Die Hände dürfen in die Hosen- oder Jackentaschen, wenn es der Entspannung dient. Kunstgriff: Ein kleiner Gegenstand gibt den Händen etwas zum Festhalten.

Regel 10 Auf das Model eingehen

Fühlt sich das Model unwohl, wenn es vor der Kamera posieren soll? Dann fotografieren Sie lieber unbemerkt. Sorgen Sie für eine Atmosphäre, in der sich der oder die Porträtierte wohlfühlt. Nutzen Sie die kleinen besonderen Momente, und drücken Sie auf den Auslöser, wenn die Person echte, spontane Handbewegungen macht. Das Nachstellen solcher Bewegungen (Haare aus dem Gesicht streichen, Brille aufsetzen) sieht meistens unecht aus. Nehmen Sie Impulse auf, die vom Model kommen. Nehmen Sie sich Zeit, und machen Sie viele, viele Fotos.

Idee - Gestaltung - Technik

Porträts können einen Menschen in einem größeren Umfeld (Location) zeigen oder vor einem neutralen Hintergrund. Die Person kann bei Tageslicht aufgenommen sein, mit Blitzlicht oder in schummriger Umgebungsbeleuchtung. Die Person kann für den Fotografen posieren, in die Kamera schauen oder unbemerkt fotografiert werden, während sie einer Tätigkeit nachgeht. Die Person kann alt oder jung sein, männlich oder weiblich. Er oder sie kann geschminkt oder ungeschminkt sein, für die Aufnahmen in eine besondere Kleidung oder Rolle schlüpfen und mit passenden Requisiten hantieren. Es gibt auch die Varianten des erotischen Porträts, Businessporträts, Bewerbungs- oder Passfotos. Ihre Idee entscheidet über das weitere Vorgehen.

Jede Situation, jede Person ist einzigartig. Durch Licht, Farben, Perspektive, Bildausschnitt, Kleidung, Requisiten und Pose eröffnet sich ein ganzer Kosmos an Kombinationsmöglichkeiten. Knipsen Sie nicht einfach ein Personenfoto, machen Sie Porträts! Auch wenn sich die Szene spontan ergibt, prüfen Sie stets, welche Gestaltungsmöglichkeiten Sie haben. Perspektive, Brennweite und Bildformat/-ausschnitt stehen Ihnen immer als Optionen zur Verfügung. Je mehr Zeit Sie für eine Aufnahme haben, desto mehr Variationsmöglichkeiten entstehen. Straßenporträts auf Reisen, bei denen das Zufallsmodel freiwillig mitmacht, gibt es gar nicht so selten. Indem Sie zu Hause mit Freunden und Familienangehörigen üben, können Sie sich auf solche Situationen vorbereiten. Dann müssen in einer einmaligen Situation nicht herumexperimentieren oder auf den Zufall hoffen, sondern Sie wissen bereits, was funktioniert und was nicht.

Die Technik ist von untergeordneter Bedeutung. Nahezu jede Kamera hat eine Porträtbrennweite. Es ist von Vorteil, wenn der Sensor bei schlechten Lichtverhältnissen mit hohem ISO-Wert gute Ergebnisse liefert oder wenn Sie einen externen Blitz verwenden können. Absolut notwendig ist es nicht. Auch wenn Sie mit eingeschränkten technischen Möglichkeiten arbeiten, mit pfiffigen Ideen und einem charismatischen Model haben Sie beste Voraussetzungen für interessante Porträts. Und was das Model angeht: Spaß an der Sache ist wichtiger als perfektes Aussehen.